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Christian "Chako" Habekost: "Gebrauchsanweisung für die Pfalz"

Essen, Trinken und die Lust am Babbeln

Christian Habekost, seit gut zehn Jahren Wahl-Dürkheimer, hat Pfalz-Liebhaber und die es werden wollen mit einer "Gebrauchsanweisung für die Pfalz" beglückt. Sie ist - trotz kleiner Schwächen - eine Liebeserklärung an seine Heimat.

Gebrauchsanleitung Pfalz Wachtenburg
Die Titelseite ziert die "schönste Weinbsicht der Pfalz" zur Wachtenburg.

Das Buch ersetzt zwar keinen Reiseführer,
fördert aber ein erstes, auch tiefgründige-res Verstehen gewisser Eigenheiten dieses Landstrichs, ihrer Bewohner und - überra-schenderweise - ihrer Besucher. Ein wenig verständlicher wird in einer ersten Lektion auch die "schännschde" Mundart - ein Pfäl-zer wie Habekost liebt den Superlativ, wenn es um die eigene Sache geht.

Einen Pfälzer wenigstens ansatzweise zu verstehen, ist gewiss eine Notwendigkeit in einer Region, in der das Babbeln Tradition hat und - neben Essen und Trinken - zu einer besonderen Lebensfreude giriert. Des-halb baut Habekost mit vielen (übersetzten) Mundart-Einsprengseln und einem sprach-kundlichen Anhang Brücken zur Inklusion der "Außergewärdische", also der Nicht-Pfälzer. So gelingt dem Autor etwa - unbestritten sein Fachgebiet -  die Deutung des doch sehr einsilbigen, jedoch vielsagenden Begrüßungsrituals der Pfälzer überzeugend: Das "Un?" wird mit einem ebensolchen "Un?" beantwortet, redseliger auch "Un wie?", um dann mit gegenseitig bestätigendem "Jo." - "Jo." einvernehmlich die Konversation abzuschließen. Das war's dann zur Begrüßung in der Pfalz. 

Des Pfälzers Lust am Babbeln

Trotz dieser aufs Allernötigste reduzierten Grußformel ist etwas dran an des Pfälzers Lust zum ausschweifenden Babbeln, d. h. ein und denselben Sachverhalt in epi-scher Breite zu erörtern und vor-wärts wie rückwärts zu analysie-ren. Beredt legt der Autor selbst davon in seiner "Gebrauchsanwei-sung" Zeugnis ab.

Denn sie führt mit laufend wie-derholten Bildern und gängigen Klischees wie etwa der mehrfach zitierten "Blumenvase", aus der der Pfälzer seinen Wein - meist als Schorle verdünnt  - "petzt" (zu trinken pflegt), den detail-lierten Erläuterungen zur Sau-magen-Herstellung und dem viel-fach um- und beschriebenen me-diterranen Klima der "Toskana Deutschlands" ein in das südlän-disch anmutende Sein der Region, um ein paar Seiten später dann eben diese Eigentümlichkeiten in eigenen Kapiteln  erneut von al-len Seiten und auf vielen Seiten zu beleuchten.

Da gibt man dem Autor gerne recht: Die Bewohner des "größten Freizeitparks Deutschlands" ma-chen "einen guten Job", indem sie all diese Klischees "gewissenhaft" bedienen - Habekost selbst eingeschlossen.

Vielleicht hätte ein strafferes Lektorat  einem sanften Unbeha-gen des Lesers vorbeugen können, das spätestens dann zum Ärger-nis wird, wenn ihm innerhalb von 13 Zeilen zweimal bedeutet wird, dass Hassloch Deutschlands größ-tes Dorf ist. Ja, wir haben ver-standen! Ein echter pfälzischer Superlativ, gewiss nicht mehr steigerungsfähig.

Womöglich aber sind die "Ge-brauchsanweisungen" des Piper-Verlags  auf eine bestimmte Min-dest-Seitenzahl ausgelegt, die eben auch für die Pfalz zu füllen waren. Bereits gründlich recher-chiertes Material hätte sich aller-dings in den früheren lokalpatri-otischen Veröffentlichungen Ha-bekosts reichlich zur Wiederver-wertung und inhaltlichen Anrei-cherung der Piper-Edition finden lassen ...

Locker, flüssig und gar genüsslich

Gleichwohl: Abseits gelegentlich irritierender Reiterationen, ver-bunden mit schwelgenden Super-lativen liest sich die "Gebrauchs-anleitung" locker, flüssig und gar genüsslich - wie eine frisch-süffige Weinschorle. Zum hohen Unterhaltungswert tragen vor allem Habekosts Wortwitz, seine augenzwinkernde (Selbst-)Ironie, seine profunde Heimatkunde und seine genaue Beobachtung auch der Auswüchse Pfälzer Lebensart bei. Heimsuchungen durch über-bordende Touristenströme ent-lang der Deutschen Weinstraße bleiben ebenfalls nicht uner-wähnt.


Christian "Chako" Habekost

Geboren und aufgewachsen im rechtsrhei-nischen Mannheim, zweisprachig in Hoch-deutsch und Kur-Pfälzisch sozialisiert, lebt Christian Habkost heute linksrheinisch in Bad Dürkheim.

Nach seinem Studium der Germanistik, An-glistik und Politologie hat er sich als Come-dian, Kabarettist, Autor und MundArt-Poet in der Pfalz einen Namen gemacht. Zuvor blickte er mehrere Jahre in der Karibik über den regionalen Tellerrand hinaus, machte dort als Musiker unter dem Künstlernamen "Dr. Chako" Karriere und erlebte hautnah, was er später in seiner Promotion wissen-schaftlich aufarbeitete.

Mit der "Chako Musik-Show" knüpfte er An-fang des Jahrtausends an seine musikali-

schen Qualitäten an und brachte eine ganze Band mit Salsa, Son, Reggae und Merengue auf deutsche Bühnen.

Heute füllen seine Solo-Programme regel-mäßig die Hallen der Region und befassen sich mit der Pfalz, den Pfälzern und der pfälzischen Sprache. Seine neueste Produk-tion "De edle Wilde" startet am 31.10.18 im Mannheimer "Capitol".

Seit Jahren ist Habekost Lokalmatador des Open-Air-Sommers in Bad Dürkheim. Sein Heimatabend in der Klosterruine Limburg, gemeinsam mit den Anonyme Giddarisch-de inszeniert und zelebriert, ist Kult und musste zuletzt wegen der enormen Publikumsnachfrage wiederholt werden. 

Anonyme Gidartrischde Christian Habekost Limburg Sommer  Bad Dürkheim
Jahr für Jahr ein lokales Highlight des Limburg Sommers in Bad Dürkheim: Christian Habekost (re.) und die Anonyme Gidddarischde.

Solcher Resonanz erfreut sich unbedingt auch der stets bestens besuchte Literari-sche Frühschoppen. Diesen traditionellen pfälzisch-urtümlichen Mundart-Treff gibt's allerdings nur einmal im Jahr, nämlich beim Wurstmarkt und dann ohne ein Da Capo, aber u. a. mit den das "Palzlied" fetzenden Ano-nyme Giddarischde und seit einiger Zeit auch mit Christian Habekost.

Gemeinsam mit seiner Ehefrau Britta, die aus dem Schwäbischen stammt, schreibt Ha-bekost die Krimiserie "Elwenfels".Das Paar avancierte in der Dürkheimer Lokalzeitung unlängst zum Kolumnisten-Duo.

"Der Kur/Pfälzer liebster Sohn", so die "Rheinpfalz", ist im Internet unter chako.de unterwegs.



Helmut Kohls Offenbarung über der Pfälzer - selbsterfüllende Prophezeihung?

Am eindrücklichsten gelingt Habekost die Anleitung zum Pfalz-Verständnis in der entlarvenden Analyse "böser Klischees" über die "Provinz Deutschlands". Dabei greift Habekost auch auf die Doktorarbeit des Dr. Helmut Kohl zurück, der - wer sollte es wissen, wenn nicht er? - dem Pfälzer "häufig ein allzu starkes und unangenehmes Selbstgefühl" bescheinigt.

Selbsterfüllende Prophezeihung, damals wie heute?  Denn ein paar Seiten später mokiert sich Habekost über die schlechte Rezeption der satirisch-selbstironi-schen SWR-Fernsehproduktion "Pälzisch im Abgang" beim - auch pfälzischen -  Publikum und den Medien, namentlich der Regionalzeitung, Er sinniert über das aus seiner Sicht allzu frühe Ende der Weltuntergangs-Comedy-Serie. Dass er dabei selbst als Casino-Klaus prägend kommödiantisch mitwirkte, verheimlicht uns Habekost aber. Man sieht es ihm nach - er ist authentisch Pfälzer. 

Entschieden gegen die Sippenhaft der Pfalz-"Provinz"

Man mag über ihn denken, wie mal will: Um Helmut Kohl als Prototypen eines Pfälzers, der zwischen Oggersheim, Speyer und Deidesheim Essen, Trinken und Babbeln zur weltpolitischen Hochkultur (abschätzend "Saumagen-Diplomatie") entwickelte, kommt auch Christian Habekost nicht herum. Dem "Pälzer Bub" nähert er sich grundsätzlich wohlwollend, aber aus kritischer Distanz, entdeckt er in dem raffinierten Machtmenschen doch durchaus Züge, die selbst seinen Landsleuten eher unheimlich anmuten mussten. Noch entschiedener grenzt sich Habekost aber von jenen ab, die in der Ära Kohl auf Kosten der Pfalz-"Provinz" ihre Abneigung zu dem Politiker pflegten und dessen "ganze Heimatregion in Sippenhaft nahmen".

Unerfindlich bleibt indessen, warum Habekost selbst mit diesem unguten Schema "böser Klischees" in seinem Vergleich von pfälzischer und schwäbischer Weinstube spielt, die Schwaben dabei über einen Kamm schert und kein gutes Haar an ihnen lässt. Diesen Seitenhieb, der zudem wenig zum eigentlichen Thema beiträgt, hätte es wahrhaftig nicht gebraucht, um die wohl bekannte und viel gelobte pfälzische Gastfreundschaft zu untermauern.

Doch bleiben wir beim Dummgebabbel über den "Kanzler der Wiedervereinigung". Es gibt es zum Glück auch andere, wenngleich weniger bekannte Pfälzer, mit denen sich aber durchaus Staat machen lässt. Einige von ihnen führt Habekost - gegen alles Gerede von Pfälzer Provinzialität - überzeugend an.

Etwa den Geophysiker und Polarforscher Georg von Neumayer, nach dem immerhin ein Mondkrater und eine deutsche Forschungsstation in der Antarktis benannt sind, die Jahr für Jahr mit 70 Flaschen Wein meist Pfälzer Provenienz beliefert wird.

Oder die Fußball-Legende Fritz Walter, der sich allerdings ob des Niedergangs des 1. FCK zum Drittligisten wohl schon mehrfach im Grabe umgedreht haben dürfte. Beinahe ungeachtet gewisser Kaiserslauterer Dramen, pflegt der Fußballclub tapfer seine heroische Geschichte und erfreut sich nach wie vor einer unglaublich treuen und begeisterten Fan-Gemeinde.

Oder Achim Niederberger, ein Unternehmer aus Neustadt, der in Deidesheim Anfang des Jahrtausends Pfälzer Genüsse auf eine ungeahntes Qualitätsniveau hob, damit die Region inspirierte und den heute guten Ruf des pfälzischen Weinlandes mit begründete und weiterentwickelte.

Oder der Dürkheimer Johannes Fitz, der beim Hambacher Fest Ende Mai 1832 eine tragende organisatorische Rolle spielte. Ganz Pragmatiker, bereicherte er, aus dem französischen Exil zurückkehrend, die Sektherstellung in der Pfalz mit der hohen Kunst der Flaschengärung à la méthode champanoise. Heute erinnert an den "roten Fitz" eine Rotwein-Cuvee aus dem Wein- und Sektkeller, der seinen Namen weiterführt, und natürlich die Ausstellung auf dem Hambacher Schloss, der "Wiege der deutschen Demokratie", über der zum ersten Mal die schwarz-rot goldene Fahne gehisst wurde.

Eine Liebeserklärung an seine Heimat

Habekost kennt seine Pfälzer, weiß authentisch über sie zu fabulieren und öffnet tiefe Einblicke in die Seele seiner Landsleute. Auch dank seiner "akademischen Vorbelastungen", so Habekost über seine Universitätsstudien, entsteht ein
authentisches Porträt seiner Heimat.

Der Historiker Habekost berichtet kenntnisreich über die Wurzeln der Pfalz und ihre Entwicklung im geschichtlichen Kontext europäischer und gar weltumfas-sender Machtstrukturen, vereinnahmt einst von Römern, später von Franzosen und Bayern und zuletzt von den Amerikanern - alle hinterlassen Spuren bis ins Heute der Pfalz.

Der Germanist und Linguistiker führt uns fundiert ein in die Besonderheiten der Pfälzer Sprache.

Der Comedian schließlich würzt die heimatkundliche Nabelschau mit geistreichem Witz und erheischt schmunzelnde Zustimmung, wenn er glaubhaft voller Erstau-nen über das "pfälzische Wunder der Symbiose aus deutscher Bodenständigkeit und mediterraner Lockerheit" philosophiert.

Trotz der erwähnten kleinen Schwächen, über die die amüsante Lektüre schnell hinweg hilft, hat Christian Habekost seiner Heimat eine Liebeserklärung gewidmet, die dem außergewärdischen Leser einfühlsam die südwestdeutsche Genuss-Region näher bringt. Sie ist mehr als einen Versuch wert.


Christian Habekost: "Gebrauchsanleitung für die Pfalz". Piper Verlag München. 217 Seiten, gebunden, 15 €.

Die "Gebrauchsanweisung" steht neben Reiseführern, Bildbänden und anderer Pfalz-Literatur in unserer Gäste-Bibliothek zur Verfügung.

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