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Von Weimar und Dessau nach Kindenheim, Ludwigshafen und Hauenstein

Bauhaus-Architektur vom Feinsten

100 Jahre Bauhaus. Das radikal neue Design der Weimarer und  Dessauer Schule hat auch in der Pfalz Spuren hinterlassen. Am Ortseingang von Kindenheim steht eines von 100 Vorzeige-Architekturen. Die Pfälzer Rarität ist ein Hot Spot der Grande Tour der Moderne und hat - natürlich - mit Wein zu tun. Auch in Ludwigshafen und Hauenstein hat Bauhaus-Architektur Bleibendes geschaffen.

bauhaus Architektur Pfalz
Die spektakuläre Vorderansicht des Weinguts Kreutzenberger: Die Fensterzeilen im Rundbagen sorgen für viel Licht im Interieur. Fotos: Weingut Kreutzenberger

Weingüter, Winzergenossenschaften und Vinotheken schmücken sich gerne mit anspruchsvoller, ja schicker Architektur. Es wird nicht mehr nur funktionell gedacht. Moderne Weinarchitektur verbindet vielmehr Weinerzeugung, -präsen-tation und -genuss zu einem attraktiven Gesamtkonzept. Aus der Symbiose von Wein und Architektur enstehen neue sinnliche Erfahrungen, die nicht mehr allein aus der Flasche kommen, auch wenn deren Inhaltsqualitäten freilich weiterhin im Mittelpunkt stehen. 

Von zeitlos schöner Schlichtheit - ein Weingut im Stil der Avantgarde ...

Der Original-Entwurf von Otto Prott (links) mit dem Anbau (rechts) ziert heute die Weinflaschen des Familien-Weinguts. Fotos: Weingut Kreutzenberger
Der Original-Entwurf von Otto Prott (links) mit dem Anbau (rechts) ziert heute die Weinflaschen des Familien-Weinguts. Fotos: Weingut Kreutzenberger

Das Weingut Kreutzenberger im nordpfälzi-schen 1.000-Seelen-Dorf Kindenheim ist in dieser Hin-sicht etwas Be-sonderes. Vor 90 Jahren er-baut, nimmt dieses Weingut all diese hippen Trends schon lange vorweg. Das geradezu visionäre Objekt des Bauingenieurs Otto Prott beeindruckt auch heute in seiner zeitlos schönen funk- 


Otto Prott in der Pfalz

Otto Prott (1904 - 1970) war Sohn des Grünstadter Bezirksbaumeisters Heinrich Prott.

Die Handschrift Protts trägt das Ent-bindungsheim Ruppert in der Asselhei-mer Straße 5 in Greünstadt, das am 1. Oktober 1930 bezogen wurde. 2007 wurde das massive Gebäude mit Wänden aus gebrannten Backsteinen und Decken aus dickem Stahlbeton von seinem neuen Eigentümer zu einem
Mehrfamilienhaus umgebaut.

Als Meisterwerk Otto Protts  gilt das 1932 in Grünstadt eröffnete Kaufhaus Jost, mit dem er den gekurvten Funk-tionsbauten von Erich Mendelsohn nacheiferte, dem weltbekannten Modernisten und Erbauer des Einstein-turms in Potsdam.

Berühmt geworden aber ist Weingut Kreutzenberger, das im Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019  in allen offiziellen Broschüren zu finden ist.

Während der Nazi-Diktatur hielt sich Prott mit stilistisch unauffälligen Profanbauten über Wasser.


tionalen und doch sinnlichen Schlicht- heit.

... und manchem ein Dorn im Auge

Emil Kreutzenberger ließ - mit allem jungen Mut eines 25-Jährigen - das Haupthaus 1929 nach den Plänen des gleichaltrigen, nicht minder mutigen Architekten errichten, Es hatte stilis-tisch so gar nichts mit dem zu tun, was in der Pfalz damals üblicherweise ge-baut wurde.

Noch eher harmlos war das Kopfschüt-teln ungläubiger Nachbarn und die vielleicht augenzwinkernde Vermutung, der Bauherr sei "Opfer seines Pro-dukts" geworden. Gute Bekannte schnitten ihn, je mehr sein Winzerhof an Gestalt gewann..

Kein Zweifel: Das Gebäude wurde als politisches Statement (miss-)verstan-den und geriet in der exponierten Lage direkt am Entree des ansonsten recht beschaulichen Weindorfs zur Provoka-tion. Nazis, die später das Bauhaus in Dessau stürmten und schlossen, belie-ßen es nicht bei verbaler Ablehnung, sondern schritten zur Tat und warfen Fensterscheiben in der Hauptstraße 5 ein, weil sie hinter den weißen Mauern 


konspirative Sitzungen des politischen Gegners und als Bauherrn einen wirren Schöngeist vermuteten. 

"Der Mensch braucht viel Licht, um glücklich zu sein"

Der weiße, zweigeschossige Putzbau spricht eine moderne und klare Formenspra-che. Die der Hauptstraße von Kindenheim zugewandte Hauskante ist abgerundet und reflektiert den städtebaulichen Ortseingang. Ein ausladender Balkon auf der Ostseite und ein breiter, der Straße zugewandter Fassadenvorsprung verleihen dem kubischen Bau Kontur.  

 "Der Mensch", so erinnert sich der Enkel Emil Kreutzbergers, Jochen, an die Philosophie des Architekten, "braucht viel Licht, um glücklich zu sein." Deshalb sahen seine Pläne die beiden übereinanderliegenden geschwungenen Fenster-bänder, die dem Interieur viel Licht geben und die flächige Fassade strukturieren. Sie erinnern ebenso wie das offene Flachdach mit Dachterrasse an die Bauhaus-Architektur.

Der Neubau stellte große Anforderungen an die Handwerker, die in den harten kalksteinigen Boden von Hand den Keller gruben. Nachhaltige Bauweise: Die gewonnenen Kalksteine wurden gleich für das bis heute erhaltene Mauerwerk des Weinkellers verwendet.

Der Anbau der Kelterei - eine Hommage an die klassische Avantgarde

Mächtig stolz darf Jochen Kreutzenberger auf den harmonischen Anbau des Kelterhauses sein, der 2007 fertiggestellt wurde. Die aussichtsreiche Dachterrasse wird ganzflächig von einer Pergola überspannt und im Sommer von üppigem Weinlaub beschattet.
Mächtig stolz darf Jochen Kreutzenberger auf den harmonischen Anbau des Kelterhauses sein, der 2007 fertiggestellt wurde. Die aussichtsreiche Dachterrasse wird ganzflächig von einer Pergola überspannt und im Sommer von üppigem Weinlaub beschattet.

Von 2004 bis 2007 ließ Jochen Kreutzenberger das Gutshaus um einen Neubau für eine moderne Kelter-ei erweitern. Der Mainzer Archi-tekturprofessor Heribert Hamann fügte einen wür-felförmigem Bau-körper mit einer weißen, schnörkel-losen Fassade bruchlos an die nüchterne, reduzierte Ästhetik des Hauptgebäudes an. Die Architekturelemente der klassischen Moderne kühn weiterentwickelnd, schaffte Hamann die selbstbe-wusste Ergänzung als Hommage an die klassischen Avantgarde von Horizontalen und Vertikalen. Und wieder prägt den Grundriss ein auffälliger Rundbogen, nicht nachäffend, sondern funktional als Schleppkurve für den Traktor mit Anhängern beim landwirtschaftlichen Transport.

In einem Rundgang durch das klug genutzte Erbe können Besucher nicht nur die architektonischen Besonderheiten des Komplexes besichtigen, sondern sich im Sinne eines „gläsernen Weinguts“ auch über die verschiedenen Stationen der Vi-nifikation von der Traube bis zur Flaschenabfüllung informieren.

Die "Emil-Edition" - dem weitsichtigen und mutigen Großvater gewidmet

Höhepunkt ist die spektakuläre Probierfläche auf dem Dach des neuen Kelterhau-ses, die über die gesamte Fläche von einer Pergola überspannt und dank reichem Weinblätterwerk im Sommer auch sonnengeschützt ist. Während der Blick weit über die grandiose Landschaft und das Terroire mit seinen ins Unendliche laufen-den  Rebzeilen schweift, reichen hier die Kreunbergers ihre Erzeugnisse zur Ver-kostung. Gerne auch die Premiumprodukte der "Emil Edition", die dem weitsichti-gen und mutigen Großvater gewidmet ist. 

Komfortables Leben in Ludwigshafen mit Bauhaus-Architektur

Gehobene Wohnkultur, zeitlos modern: Die Ebert-Siedlung in Ludwigshafen. Fotos: Stadt Ludwigshafen
Gehobene Wohnkultur, zeitlos modern: Die Ebert-Siedlung in Ludwigshafen. Fotos: Stadt Ludwigshafen

Weitere Beispiele der Bauhaus-Architektur finden sich in der Pfalz etwa in der Ebert-Siedlung (700 Wohnungen) und in der Westend-Siedlung in Ludwigshafen. Letztere bildet auf 30 Hektar Grundfläche ein  Symbol für den Aufbruch in das Zeitalter des modernen sozialen Wohnungsbaus..

Beide Wohnquartiere wurden von Markus Sternlieb, einem gebürtigen Rumänen, konzipiert. Wegen der Wohnungsnot in der Industriestadt wurden die 341 Wohnungen der Westend-Siedlung innerhalb von nur zwei Jahren für Arbeiterfamilien erstellt. 

Beide Siedlungen wurden mittlerweile zurückhaltend modernisiert, so dass ihr ursprünglicher Charakter weitgehend erhalten blieb

Wohnen im funktionalen sozialen Wohnungsbau des Westends

Streng spiegel-symmetrisch, fünfstöckig mit hohen Durchlässen in der markanater Backstein-Fassase: Die Arbeiter-Wohnungen der Westend-Siedlung waren zwar klein, aber für damalige Verhältnisse komfortabel ausgestattet.
Streng spiegel-symmetrisch, fünfstöckig mit hohen Durchlässen in der markanater Backstein-Fassase: Die Arbeiter-Wohnungen der Westend-Siedlung waren zwar klein, aber für damalige Verhältnisse komfortabel ausgestattet.

Bauträger war die 1920 gegründete Gemeinnützige Aktiengesellschaft für Wohnungsbau (GAG), in der Sternlieb seit 1926 als Technischer Vorstand fungierte und die auch heute noch Eigentümerin des Wohnquartiers ist.  Finanzielle Unterstützung kam, wenn auch angesichts der Weltwirtschaftskrise in immer weiter gekürz-tem Rahmen vom bayeri-schen Staat und von der Kommune. Auch Verträge mit Arbeitgebern - u. a. mit dem Chemiekonzern BASF - sicherten die Baufinanzierung langfristig ab.

Oberbaudirektor Sternlieb, seit 1920 in Ludwigshafen für das gesamte städtische Bauwesen verantwortlich, folgte in seiner Planung den Ideen der funktionalen Architektur, die weniger ästhetische Gesichtspunkte als vielmehr die nutzbring-ende Verwendung in den Vordergrund stellt. So entstanden für damalige Verhältnisse moderne und komfortable Wohnungen, die mit den vor allem im sanitären Bereich notleidenden Arbeiterghettos aufräumte. Unter Verzicht auf jedes Zierwerk zwar vollkommen schnörkellos erbaut, überzeugt das Backstein-Quartier dennoch mit einer klaren Formensprache und erfüllt - bis heute - in erster Linie seinen Zweck: bezahlbares Wohnen.

In der Nazizeit gedemütigt und entrechtet, verstarb Markus Sternlieb 1932 im Alter von 57 Jahren und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Ludwigshafen beigesetzt.

Funktionaler Wohnkomfort: Bad, WC und eine praktische Kochnische

Kochnische im Stil der Frankfurter Küche: Funktional auf wenig Raum.
Kochnische im Stil der Frankfurter Küche: Funktional auf wenig Raum.

Trotz Wirtschaftskrise und anhalten-dem Kostendruck wurden die 35 bis 50 Quadratmeter großen Wohnungen mit eigenem Bad und WC ausgestattet - in den 1920er-Jahren ein seltener Komfort, der schon sogar noch zu toppen war: In einem Großteil der Wohnungen, die mit getrennten Eltern- und Kinderschlafzimmern bis zu vier Personen Platz boten und auch die besonderen Bedürfnisse von Schichtarbeitern berücksichtigte, wurde die Frankfurter Küche einge-baut. Sie wurde von der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky für ein platz- und zeitsparendes Hauswirt-schaften konzipiert. Diese prakti-schen Kochnischen gelten als Vorläu-fer heutiger Küchenzeilen.

 

Schuhmuseum Hauenstein: Einzigartiger Industriebau

Das Schuhmuseum Hauenstein ist im 1929 fertiggestellten Produktionsgebäude der ehemaligen Schuhfabrik Gebrüder Schwarzmüller untergebracht. Architekt war der Pirmasenser Joseph Uhl, ein Walter-Gropius- und Peter-Behrens-Schüler. Das Gebäude gilt als einziges erhaltenes Bauwerk zwischen Karlsruhe, Mannheim und Saarbrücken, das den Prinzipien des Bauhauses folgt. Durch die 2.000 Quadratmeter Schuhgeschichte wandelt der Museumsbesucher auch heute auf dem original-farbigen Fußboden: ochsenblutrot.

Schuhmuseum: Der neue Aufzugturm, passt sich dem Bauhaus-Stil an. Foto: Schuhmuseum Hauenstein
Schuhmuseum: Der neue Aufzugturm, passt sich dem Bauhaus-Stil an. Foto: Schuhmuseum Hauenstein

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