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Traditionelle Geißbock-Versteigerung in Deidesheim - Update

Martin I. mit dem höchsten Segen

Sie, eine Berlinerin, trug zum ersten Mal ein Dirndl, er kam mit Frack und Zylinder. Dabei hatten sie einen Geißbock, gut gehörnt und gebeutelt, wie es der Weidevertrag will. Am Dienstag nach Pfingsten machten sich die drei auf den Weg von Lambrecht nach Deidesheim zur Geißbock-Versteigerung vor dem Rathaus.


Update 11.06.19, 20.30 Uhr: Für stolze 5,000 € wechselte Martin I. am heutigen Pfingstdienstag seinen Besitzer. Der Geißbock wird künftig bei Robert Merk, einem Unternehmer aus Ellerstadt, den Rasenmäher ersetzen.

350 Lambrechter hatten den Tributbock nach Deidesheim begleitet, wo er zur Bieter-Viertelstunde erwartet worden war und dem Treiben eher gelangweilt folgte. Trotz eher kühler Temperaturen waren mehrere tausend Gäste zum Volksfest vor dem Deidesheimer Rathaus gekommen.

Im vergangen Jahr hatte der Bock nur 3.500 € in den Deidesheimer Stadtsäckel gespült.


Haben noch einen 13 Klilomewter langen Marsch vor sich: Lambrechts Stadtbürgermeister Karl-Günter Müller (rechts) und das Geißbockbrautpaar Hildrun und Martin Groß mit dem Tributbock Martin I, der sichtlich guten Eindruck macht. Foto: Stadt Lambrecht
Haben noch einen 13 Klilomewter langen Marsch vor sich: Lambrechts Stadtbürgermeister Karl-Günter Müller (rechts) und das Geißbockbrautpaar Hildrun und Martin Groß mit dem Tributbock Martin I, der sichtlich guten Eindruck macht. Foto: Stadt Lambrecht

Der diesjährige Marsch - 13 anstrengende Kilo-meter durch den Wald, immer den Bock an der Leine - stand unter al-lerbesten Vorzeichen, und vollzog sich sozu-sagen mit dem höchsten Segen. Denn das Geiß-bockpaar Hildrun (34) und Martin Groß (36) sind protestantische Pastoren, er in Lam-brecht, sie in Haßloch, dem größten Dorf der Republik. Verheiratet ist das Pastorenpaar seit Oktober 2018, und damit - so wollen es die Regularien - das jüngste Brautpaar der Pfälzerwald-Gemeinde.

Neben ihm machten sich am Pfingstdienstagmorgen in aller Frühe um 5.30 Uhr (!) auch der Lambrechter Bürgermeister und eine große Abordnung auf den Weg.

Deidesheim sollte nach zwei ausgiebigen Rasten gegen 10 Uhr erreicht werden. Mit dabei war natürlich auch Martin I., wie der Ziegenbock aus einer Forster Zucht nach seinem Überbringer genannt ist. Er bringt ungefähr 60 Kilogramm auf die Waage und fand mit seinem stattlichen Gehörn auch in Deidesheim Gefallen.

Empfehlung des Bürgermeisters: Man nehme - nicht nur für den Bock - auch Trinkwasser mit, um die Strapazen des Anmarsches und des Festtages in Deidesheim gut zu überstehen.

Denn bereits an der Waldgrenze werden die Lambrechter vom "fürstbischöfli-chen"Waldhüter und einem Fähnlein Stadtsoldaten mit Edelwein aus besten Deidesheimer Lagen empfangen, der ahnen lässt, was vor dem historischen Rathaus der Winzerstadt zu erwarten ist.


"Wer mit dem Schlag der sechsten Stund' das höchste Gebot abgibt,

dem ist der Bock zu eigen und er erhält ein urkundlich Vermerk hierfür.

Der Bock ist

zur Versteigerung zu stellen!"

 

Pfingstdienstag,17.45 Uhr
Aufforderung des Hohen Stadtgerichts zur Gebotsabgabe für den Geißbock, nachdem er peinlichst genau untersucht wurde


"Seit urfüdenklichen Zeiten"

Die Lambrechter erfüllen mit ihrem Geißbockmarsch eine historisch verbriefte Pflicht, einmal im Jahr in Deidesheim den Tributbock abzuliefern. Eine erste urkundliche Erwähnung über Weiderechte im Hinterwald von Deidesheim, datiert aus dem Jahre 1404. Sie begünstigt die Gemeinde Lambrecht und das Kloster St. Lambrecht und 


gestattet großem Hornvieh aus Lambrecht, aber keinen Schweinen oder Ziegen in Deidesheimer Weidestrichen zu grasen."Seit urfürdenklichen Zeiten" geschieht dies gegen alljährliche Lieferung eines Geißbockes, der wohlgehörnt und gutbeschaffen sein muss. 

Gerichtlicher Hader um die Qualitäten des Bocks

Auch Napoleon I. zollte diesem Vertrag Respekt und bestätigte ihn ausdrücklich in einem Dekret, das er in seinem Feldlager zu Arando de Guero am 26. November 1808 höchstpersönlich unterzeichnete.

Um die Erfüllung der Vereinbarung, um die sich die Lambrechter gern schon mal drücken wollten, und insbesondere um die Qualität des Tributbocks gab es gelegentlich Meinungsverschiedenheiten, die Mitte des 18. Jahrhunderts - unter bayerischer Verwaltung - gar in einer juristischen Auseinandersetzungen vor dem Appellationsgericht in Zweibrücken gipfelten. Daher kamen 1858 gar acht Böcke zur Versteigerung, weil Lambrecht dazu verurteilt worden war, den Tribut aus Vorjahren nachträglich zu entrichten, bzw. Ersatz zu stellen für Böcke in nicht vertragsgemäßem Zustand . 

Hochnotpeinliche Untersuchung des Tributbocks vor dem Rathaus

Der Geißbock-Brunnen in Deidesheim erinnert an den Lambrechter Weidevertrag. Foto: Stadt Deidesheim
Der Geißbock-Brunnen in Deidesheim erinnert an den Lambrechter Weidevertrag. Foto: Stadt Deidesheim

Der Vertrag wurde inzwischen mehr-fach angepasst und zeitgemäßer ge-staltet. So muss der Geißbock bei-spielsweise nicht schon bei Sonnenauf-gang an einem bestimmten Ring vor dem Deidesheimer Rathaus angebunden werden.Vielmehr muss der Bock erst um 10 Uhr die Stadtgrenze erreichen. Dort sind der Deidesheimer Stadtrat im Feiertagsgewand, Schulkinder, Trach-tengruppe und das Hohe Stadtgericht zur Begrüßung der Lambrechter Abordnung und zur ersten Musterung des zugeführten Bockes versammelt.

Darf er die Stadtgrenze überschreiten, geht es mit dem von der Blasmusik inton-ierten Geißbockmarsch in frohem Zuge zur der Bühne vor dem Rathaus. Dort muss sich der Bock im Rahmen einer Verhandlung des Hohen Stadtgerichtes einer hochnotpeinlichen Untersuchung auf sein Gehörn und seine "Gebräuchlichkeit zur Zucht" unterziehen. Dem Vernehmen nach soll Martin I. bisher in großer Zahl Nachkommen gezeugt haben - ausschließlich weibliche.

Erst wenn der städtische Viehhofmeister seinen Spruch über vereinbarten Bock-Attribute fällt, gilt der Weidevertrag für ein weiteres Jahr erfüllt.

Die große Viertelstunde der Geißbock-Versteigerung

Seit eh und je wird am Nachmittag ein Festprogramm vor dem Rathaus geboten. Trachtentänze, Fassschlüpfen, der Küferschlag und Pfälzer Blasmusik erfreuen viele Gäste aus nah und fern bis zur großen Viertelstunde der Versteigerung. Wenn dann um 17.45 Uhr die große Glocke vom Turm der Pfarrkirche St. Ulrich läutet, tritt der Versteigerer in Aktion. Er hat die nicht ganz leichte Aufgabe, aus der großen Gästeschar potente Bieter zu finden und sie mit großem Stimm-aufwand und unter Anwendung aller versteigerungstechnischen Raffinessen in kurzer Zeit zum gegenseitigen Überbieten zu bringen. Es geht um ein poar tausend Euro für den Tributbock.

Mit dem letzten Glockenschlag um 18.00 Uhr fällt der Hammer, und der Geißbock wird dem Meistbietenden zugeschlagen.Gezahlt wird in bar auf den Tisch des Bürgermeisters im Ratssaal, eher der stolze Besitzer den Bock samt Übereignungsurkunde mitnehmen darf.

Geißbock-Versteigerung am  Pfingstdienstag: Das historische Fest am früheren Deidesheimer Gerichtstag ist mittlerweile eine weinselige Gaudi für Gäste aus nah und fern. Foto: Stadt Deidesheim
Geißbock-Versteigerung am Pfingstdienstag: Das historische Fest am früheren Deidesheimer Gerichtstag ist mittlerweile eine weinselige Gaudi für Gäste aus nah und fern. Foto: Stadt Deidesheim

Der Pfingstdienstag ist ein Fest- und Feiertag in Deidesheim und viel besucht. Es empfiehlt sich, die Winzergemeinde an diesem Tag nur mit dem Rad oder mit der Bahn zu besuchen. Auch zu auf Schusters Rappen ist der historische Marktplatz nach acht Kilometern durch üppige Rebfelder mit Einkehrmöglichkeiten in Forst und Wachenheim bequem zu erreichen.

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