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Die Kinder des Winterkönigs, Kurfürst Friedrichs V.

Die Royals vom Neckar

Das bewegte Schicksal Friedrichs V. von der Pfalz und seiner Familie begann mit einer märchenhaften Traumhochzeit. Das Kurpfälzische Museum in Heidelberg erzählt in einer Ausstellung die Geschichte des „Winterkönigs“ und seiner vielköpfigen Familie - darunter die Stammmutter des britischen Königshauses.

Friedrich V., Kurfürst von der Pfalz
Friedrich V., Kurfürst von der Pfalz

Ganz Europa horchte auf, als der Kurfürst von der Pfalz 1613 um die Hand von Prin-zessin Elizabeth Stuart anhielt, der ein-zigen Tochter des englischen, schotti-schen und irischen Königs Jakob I. und somit einer der zu jener Zeit höchstge-stellten Bräute Europas. Friedrich machte Eindruck.

Weniger Glück war ihm beschieden bei sei-nem Versuch, die Kurpfalz als führende protestantische Macht im Heiligen Römi-schen Reich zu positionieren. Der Pfalz-graf, bekennender und glaubenseifirger Calvinist, verstrickte sich dabei in die durch religiöse Gegensätze verursachten politischen Wirren Europas. Mit dem Griff nach der Wenzelskrone schrieb sich der auf diesem Parkett recht unerfahrene Kurpfälzer in die Geschichtsbücher als politischer Hassadeur ein und brachte - trotz aller Warnungen und Bedenken nicht nur aus seinem nächsten Umfeld - Kaiser und Reich gegen sich auf.

Die kaiserliche Propaganda verspottete  ihn als "Winterkönig" - der Beiname blieb auch nach seiner nur etwas mehr als ein Jahr dauernden Regentschaft auf dem Prager Hradschin an ihm haften.

Die Heidelberger Familie im Auf und Ab europäischer Geschichte

Mit seiner Krönung im Veitsdom am 4. November 1619 hatte Friedrich das europäische Machtgefüge in Frage gestellt. Der böhmisch-habsburgische Dauerstreit weitete sich in der Folge zu einem protestantisch-katholischen Konflikt aus, der europäische Dimensionen annahm und zum Dreißigjährigen Krieg führte.

Am 17. Dezember 1620 endete das böhmische Abenteuer des Kurfürsten in der Schlacht am Weißen Berg bei Prag mit einem nur zweistündigen Gefecht. Die Niederlage zwang Friedrich und die hochschwangere Elizabeth samt ihrem mehr als 200 Menschen zählenden Hofstaat und mit den böhmischen Kronjuwelen im Gepäck zur Flucht über Breslau und Brandenburg in die Niederlande.

Friedrich starb am 29. November 1632 in Mainz, nicht ohne zuvor seine Familie beschworen zu haben, beim reformierten Glauben zu bleiben. Es sollte jedoch teilweise anders kommen.

Untrennbar ist mit Friedrichs Aufstieg und Fall auch das Schicksal Heidelbergs und das Los seiner vielköpfigen Familie verbunden. Elizabeth Stuart, die frühverwitwete "Winterkönigin", versuchte als Staatsfrau wider Willen von ihrem Exil in Den Haag aus, die Kurpfalz für ihren ältesten überlebenden Sohn Karl Ludwig (1617 - 1680) zurückzugewinnen. Erst 1648 bekam er sie - in allerdings kleinerem Umfang - zurück.

Die hochgebildete Tochter Elisabeth findet ihren Platz im Damenstift

Überaus gebildet war die in Heidelberg geborene Elisabeth (1618 - 1680). Sie beherrschte sieben Sprachen, trieb wissenschaftliche Studien und korrespondier-te mit Größen wie dem vielfach verfolgten Quäker und europäischem Vordenker William Penn sowie dem frühen Aufklärer und Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz. Der französische Naturwissenschaftler René Descartes, Begründer des philosophischen Rationalismus', widmete ihr sein Hauptwerk „Discours de la méthode“, in dem es um die Rolle des menschlichen Verstandes und der Vernunft bei der Ergründung der wissenschaftlichen Wahrheit geht.

Ihren Platz fand Pfalzgräfin Elisabeth jedoch in der geistlichen Welt als Äbtissin des protestantischen Damenstiftes Herborn.

Eine schillernde Figur: Prinz Ruprecht - der "letzte Kavalier", Haudegen und Pirat

Ganz anders gestrickt war Prinz Ruprecht (1619 - 1682). Der drittälteste, in Prag geborene Sohn machte als "the last Cavalier" und Großadmiral in englischen Diensten Karriere und kämpfte im Dreißigjährigen Krieg auf wechselnden Seiten. Er war die schillerndste Figur im Hause Kurpfalz, ein Haudegen, zu dessen kriegs-strategischen Intelligenz eine beachtliche künstlerische und wissenschaftliche Begabung kam. Malen hatte er wie seine Schwester Louise Hollandine beim Hofma-ler Willem von Honthorst gelernt. Gern beschäftigte er sich mit chemischen Versuchen auch - militärisch nützlich - rund um das Schwarzpulver.

Trügerische Harmonie: Prinz Ruprecht und sein älterer Bruder Karl Ludwig (rechts). Fotos: KMH
Trügerische Harmonie: Prinz Ruprecht und sein älterer Bruder Karl Ludwig (rechts). Fotos: KMH

Befehle nahm Ruprecht nur vom König selbst an, sein Ruf war nicht der beste: „Halb Teufel, halb Mensch“ nannten ihn Zeitgenossen, auch „Price Robber“, denn im Plündern war er groß. Er kaperte englische Schiffe im Ärmelkanal, zog sich, aus England verbannt, an die Küste von Afrika und auf die Azoren zurück und wurde als Freibeuter bis nach Westindien verfolgt, stets begleitet von seinem ihm treu ergebenen Bruder Moritz (geboren 1621), dem englischen Vizeadmiral, der seit 1652 auf See verschollen galt. Ruprechts Verhältnis zu seinem Bruder Karl Ludwig, der ihn einmal vor den verschlossenen Toren des Heidelberger Schlosses hatte stehen lassen, war mehr als nur zerrüttet.

Zwei Konvertiten bringen die protestantische Verwandschaft gegen sich auf

Prinzessin Louise Hollandine (1622 - 1709) folgte 35-jährig ihrem Bruder Eduard (1625 - 1663) nach Frankreich, der dort heimlich eine Adelige geheiratet hatte, und zu diesem Zweck - zum größten Verdruss seiner Mutter - zum katholischen Glauben konvertiert war. Louise folgte auch in dieser Glaubensentscheidung ihrem Bruder und war bis zu ihrem Tod Äbtissin des Zisterzienserinnen-Klosters Maubuisson, unweit nordwestlich von Paris nahe der Seine gelegen. Sie brachte es zu einer passablen Malerin und Kupferstecherin, die ihre Abtei mit religiösen Sujets ausschmückte.

Die beiden Konvertiten, Louise wie Eduard, verloren bei der protestantischen Verwandtschaft, die den Glaubenswechsel mit heftigster Entschlossenheit zu verhindern trachtete, ihr Gesicht. In religiösen Fragen verstand die kurpfälzische Familie keinen Spaß.

Sophie, die ungekrönte Stammmutter des britischen Königshauses

Sophie von der Pfalz, Kurfüstin von Hannover und Stammmutter des britschen Königshauses
Sophie von der Pfalz, Kurfüstin von Hannover und Stammmutter des britschen Königshauses

Durch seine Konversion wurde Eduard von der Erbfolge in der Pfalz ausgeschlossen. Das brachte seine Schwester Sophie (1630 - 1714), treu protestantisch, in eine unverhoffte Position. Als 1701 in England durch einen Parlaments-beschluss der Act of Settlement erlassen wurde, stand die protes-tantische Sophie als Tochter der englischen Prinzessin Elisabeth und Cousine König Jakobs II. unvorher-gesehen an zweiter Stelle in der englischen Thronfolge, da sie außer Jakobs Tochter, der Thronfolgerin Anne Stuart, die zu diesem Zeit-punkt einzige lebende protestan-tische Nachfahrin der Könige von England und Schottland war. Ihr Sohn George I. sollte der erste englische König aus dem Hause Hannover werden, sie ist die Urururururur....großmutter der amtierenden Regentin des Vereinigten Königsreichs, Elisabeth II.

Obwohl ursprünglich mit dessen älterem Bruder Georg Wilhelm verlobt, der sich allerdings beim Junggesellenabschied in Venedig daneben benahm und eine Infektion holte, heiratete Sophie 1658 Ernst August zu Braunschweig-Lüneburg, der später zum Kurfürst von Hannover avancierte.

Als Ziehtochter Sophies erlebte ihre Nichte Liselotte von der Pfalz nach ihrem eigenen Bekunden am Welfenhof ihre schönsten Lebensjahre. Später verheiratet mit dem Herzog von Orléans, dem Bruder des Sonnenkönigs Ludwig XIV., schrieb sie über 5.000 Briefe mit sehr unverblümten Schilderungen des prallen Lebens am Versailler Hof. Sie sind von großem kulturgeschichtlichem Wert und zählen zu den bekanntesten deutsch-sprachigen Textwerken der Barockzeit. Zeitlebens blieben sich Sophie und Liselotte, der Heidelinde Weis mit der Filmkomödie "Liselotte von der Pfalz" ein cineastisches Denkmal gesetzt hat, in tiefer Freundschaft verbunden.

Zurück zu den Wurzeln: Im Juli 2017 besuchten die Royals von England, Prinz William, aktuell wie einst Sophie von der Pfalz auf dem zweiten Platz der britischen Thronfolge, und seine Gemahlin Herzogin Kate Heidelberg.


„Königskinder – Das Schicksal des Winterkönigs und seiner Familie“ - die Ausstellung im Kurpfälzischen Museum Heidelberg ist bis 16. Februar 2020, jeweils dienstags bis samstags von 10 bis 18 Uhr.

Sie zeigt nicht nur Gemälde, Flugblätter, Graphiken, Medaillen und kunsthand-werkliche Objekte aus dem Besitz des Museums, Vor allem internationale Leihgaben unterstreichen den Stellenwert der kurpfälzischen Familie und ihren europäischen Rang.

Die Ausstellung ist zweisprachig (dt./engl.). Ein ebenfalls zweisprachiger Audioguide steht zur Verfügung.

Zur Ausstellung ist ein reich illustriertes Begleitheft zum Preis von 14,90 Euro erschienen. Darüber hinaus hat Jörg Tröger, SWR-Kulturredakteur bei Youtube  Podcasts veröffentlicht, die die Kurzbiografien der Königskinder eindrucksvoll erzählen. Ein Hörgenuss!

Wegen der Verkehrseinschränkungen und -überlastungen auf den Ludwigshafener Hochstraßen empfiehlt sich die Anfahrt mit dem öffentlichen Nahverkehr ab Bad Dürkheim mit dem Zug nach Neustadt-Bobig und dort Umstieg in die S-Bahnlinie 1 bis zum Haltepunkt Heidelberg-Altstadt. Für die Hin- und Rückfahrt, für die jeweils anderthalb Stunden einzuplanen sind, gibt es preisgünstige Tagestickets auch für Gruppen.

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