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Die "keusche Frucht" und ihre Kulturgeschichte

Die Renaissance der Esskastanie

Sie verströmten im Juni ihren betörenden Duft rund ums Hambacher Schloss, wo der Pfälzer "Keschde"-Wandereg" beginnt, und bieten jetzt einen herbstlichen Genuss: Die Pfalz feiert ihre "Keschde". Edelkastanien lieben das milde Klima und  den typischen Sandsteinboden. Sie sind nich nur für Urlauber eine Attraktion.

Auf rund 60 Kilometern Länge führt der Pfälzer „Keschde"-Wanderweg vom Hambacher Schloss über St. Martin, Edenkoben, Leinsweiler, Annweiler nach Hauenstein - eine beliebte Route besonders im Herbst, wenn Reben und Wald im bunten Laub stehen. 

Am Haardtrand: Die größten Kastanienbestände Deutschlands

Im Wald rund um das neugotische Hambacher Schloss wachsen viele (Edel-)Kastanienbäume. Foto: wikipedia
Im Wald rund um das neugotische Hambacher Schloss wachsen viele (Edel-)Kastanienbäume. Foto: wikipedia

Das Hambacher Schloss, weithin als „Deutschlands Wiege der Demokratie“ bekannt, wurde anfangs einfach „Keschdeburg“ genannt. Der Weg von Hambach, einem Ortsteil der Weinmetropole Neustadt, zur „Freiheitsstraße Nr. 0“, der Hausadresse der „Schlossschänke“, ist von Edelkastanien gesäumt. 

Rund um Schloss Villa Ludwigshöhe, im Moment wegen Umbauarbeiten leider geschlossen, steht der größte Kastanienwald Deutschlands.
Rund um Schloss Villa Ludwigshöhe, im Moment wegen Umbauarbeiten leider geschlossen, steht der größte Kastanienwald Deutschlands.

Rund um Schloss Villa Ludwigshöhe bei Edenkoben residiert mit an die 200.000 Exemplaren sogar der größte Kastanienwald Deutschlands. König Ludwig I. liebte den Edelholzbaum und seine kerzenartigen Blüten wie seine nahrhaften Früchte so sehr, dass er rund um seine luxuriöse Sommeresidenz hunderte Exemplare anpflanzen ließ. Der Bayernkönig wusste sehr wohl um die idyllische Örtlichkeit zwischen Wald und Reben - die "schönste Quadratmeile meines Reiches“, wie er selbst sagte.

Ein Politikum im Vorfeld des Hambacher Festes

Im Vorfeld des Hambacher Festes hatte die Kastanienfrucht sogar politische Sprengkraft. Der Staat Bayern hatte den Pfälzer Bauern nämlich verboten, ihr Vieh nach alter Gewohnheit in die Kastanienhaine zu treiben. Denn auch das Nutzvieh mag die Frucht, die im Herbst ein ideales - und im Wald kostenloses -  Beifutter zur Mast ist. Das Verbot war Zündstoff für die ohnehin erhitzten Gemüter und ein weiterer Grund, beim Hambacher Fest gegen die Obrigkeit aufzubegehren.

Auch die Kastanie ist - wie die Weinrebe - ein römischer Import

Kastanien in ihrer stacheligen Außenschale. Foto: Kochendörfer
Kastanien in ihrer stacheligen Außenschale. Foto: Kochendörfer

Doch zurück geht die Geschichte der Pfälzer Kastanien auf die Römer. Sie brachten - wie auch die Weinrebe oder die Feige - die Castanea sativa, wie sie botanisch heißt, aus südli-chen Gefilden mit. Römi-sche Legionäre bekamen statt Brot auch schon mal eine Ration der Nussfrucht.

Kastanienhaine standen damals traditionell zwischen den Weinbergen, und ihr Edelholz wurde für den Bau von Fässern und als Stützen für die Reben verwendet. 

Wein und Kastanien gehören also zusammen und werden im Herbst zum pfalz-typischen Hochgenuss, wenn neuer Wein und Kastaniengerichte den Pfälzer Tisch ergänzen. Die schmackhafte Nuss erlebt - nicht nur in der Pfalz - eine Renaissance. Vor der Einführung der Kartoffel in vielen Regionen ein sättigendes Hauptnahrungsmittel, ist die Kastanie - im wahrsten Sinne des Wortes - wieder in aller Munde. 

Der ziemlich klimaresistente Baum hat auch Gegenspieler

Auch in anderer Hinsicht wird die Edelkastanie immer beliebter. Sie kann mit Trockenheit und Wärme recht gut umgehen. Deshalb suchen mittlerweile nicht nur Wildschweine und Kulinariker nach der begehrten Nuss um die Wette. Vielmehr sind auch Forstleute aus anderen Regionen im Pfälzerwald unterwegs, um die Samen für Nachzüchtungen des relativ klimaresistenten Baumes zu ergattern. 

Doch ganz unproblematisch ist die Aufforstung mit Edelkastanien nicht, denn auch diese Baumspezies hat Gegenspieler. Der Kastanienrindenkrebs, eine Pilzkrankheit, setzt mittlerweile einem Drittel der Pfälzer Exemplare erkennbar zu, lässt Blätter vorzeitig welken und Äste abbrechen. Die Japanische Kastanien-Gallwespe führt überdies zu Auswucherungen der Blätter, in denen sich das Insekt entwickelt. Die Folge: Der Baum kränkelt, sein Zuwachs ist deutlich reduziert.


An vollen Büschelzweigen,

Geliebte, sieh' nur hin!

Laß dir die Früchte zeigen,

Umschalet stachlig grün.

 

Sie hängen längst geballet,

Still, unbekannt mit sich,

Ein Ast der schaukelnd wallet

Wiegt sie geduldiglich.

 

Doch immer reift von Innen

Und schwillt der braune Kern,

Er möchte Luft gewinnen

Und säh die Sonne gern.

 

Die Schale platzt und nieder

Macht er sich freudig los;

So fallen meine Lieder

Gehäuft in deinen Schoos.

Johann Wolfgang von Goethe, 1815


Goethe und die Kastanie

Davon hatte Johann Wolfgang von Goethe noch keine Ahnung. Er wusste aber der Überlieferung nach den von Mutter Catharina Elisabeth zubereiteten Gänsebraten mit Kastanienfüllung besonders zu schätzen. Dem deutschen Dichterfürsten war die Nuss also nicht unbekannt.

Er widmete ihr im Buch Suleika aus dem Westöstlichen Divan von 1815 sogar ein vierstrophiges Liebesgedicht. Die litera-rische Metapher auf das Naturphänomen der Fortpflanzung kann ihren erotischen Unterton nicht verhehlen.

Von wegen "keusche Frucht" ... Woher dieser Beiname der Kastanie kommt, ist nicht geklärt. Er könnte darauf hinweisen, dass sich die nahrhafte Nuss unter einer stacheligen Schale verbirgt, die den Sa- men erst freigibt, wenn sie zu Boden fällt und  aufplatzt. Andere Deutungen


vermuten eine falsche Übersetzung des pfälzischen Dialektbegriffs "Keschde".


Über den Pfälzer Keschde-Weg und die Feste rund um die Kastanie sowie die Pfälzer Kastanienwochen finden Sie im Internet weitere Informationen.

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