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Die "keusche Frucht" und ihre Kulturgeschichte

Die Renaissance der Esskastanie

Sie verströmen im Juni ihren betörenden Duft rund ums Hambacher Schloss und geben eine Vorahnung von einem herbstlichen Pfälzer Genuss: Edelkastanien, die das milde Klima ebenso wie den typischen Sandsteinboden lieben. Das Hambacher Schloss bietet dazu eine Themenführung an, die Pfalz feiert ihre "Keschde".

Im Wald um das Schloss sind auch heute noch viele Esskastanienbäume zu finden. Deshalb wurde das Hambacher Schloss früher auch "Kästenburg" genannt, eine Bezeichnung, die sich bis heute gelegentlich auch im Volksmund wiederfindet: "Keschdeburg". 

Auch die Kastanie ist - wie die Weinrebe - ein römischer Import

Im Wald rund um das Hambacher Schloss wachsen viele (Edel-)Kastanienbäume.
Im Wald rund um das Hambacher Schloss wachsen viele (Edel-)Kastanienbäume.

Anhand dieses Baumes lassen sich viele spannende Geschichten zur Politik, Esskultur und Historie der Region erzäh-len. Die Haardt, die zum Rhein-tal abfallende Hügelkette des Pfälzerwaldes, ist ein riesiges Kastaniengebiet.

Der bayerische König Ludwig I. liebte den Edelholzbaum, seine kerzenartigen Blüten wie seine Früchte so sehr, dass er rund um seine luxuriöse Sommerresi-denz, das Schloss Villa Ludwigshöhe umweit des Hambacher Schlosses, Hunderte von Edelkastanien anpflanzen ließ. Beide Schlösser sind daher im Herbst beson-ders beliebte Ausflugsziele, um in den Wäldern der Umgebung die nahrhaften Früchte zu sammeln. 

Kastanien in ihrer stacheligen Außenschale.
Kastanien in ihrer stacheligen Außenschale.

Doch zurück geht die Geschichte der Pfälzer Kastanien auf die Römer. Sie brachten - wie auch die Weinrebe oder die Feige - die Castanea sativa, wie sie bo-tanisch heißt, aus südlichen Ge-filden mit. Römische Legionäre bekamen statt Brot auch schon mal eine Ration der Nussfrucht.

Kastanienhaine standen damals traditionell zwischen den Wein-bergen, und ihr Edelholz wurde für den Bau von Fässern und als Stützen für die Reben verwendet. 

Wein und Kastanien gehören also zusammen und werden im Herbst zum pfalz-typischen Hochgenuss, wenn neuer Wein und Kastaniengerichte den Pfälzer Tisch ergänzen. Kastanientage (01.10 bis 15.11.), "Keschde"-Woche im Oktober, der "Keschde"-Wanderweg ... Die schmackhafte Nuss erlebt - nicht nur in der Pfalz - eine Renaissance. Vor der Einführung der Kartoffel in vielen Regionen ein Hauptnahrungsmittel, ist die Kastanie - im wahrsten Sinne des Wortes - wieder in aller Munde.


An vollen Büschelzweigen,

Geliebte, sieh' nur hin!

Laß dir die Früchte zeigen,

Umschalet stachlig grün.

 

Sie hängen längst geballet,

Still, unbekannt mit sich,

Ein Ast der schaukelnd wallet

Wiegt sie geduldiglich.

 

Doch immer reift von Innen

Und schwillt der braune Kern,

Er möchte Luft gewinnen

Und säh die Sonne gern.

 

Die Schale platzt und nieder

Macht er sich freudig los;

So fallen meine Lieder

Gehäuft in deinen Schoos.

Johann Wolfgang von Goethe, 1815


Goethe und die Kastanie

Ja, schon Johann Wolfgang von Goethes Mutter Catharina Elisabeth wusste der Überlieferung nach den Gänsebraten mit Kastanienfüllung besonders zu schätzen.

Dem deutschen Dichterfürsten war die Nuss als nicht unbekannt.

Er widmete ihr im Buch Suleika aus dem Westöstlichen Divan von 1815 sogar ein vierstrophiges Liebesgedicht. Die litera-rische Metapher auf das Naturphänomen der Fortpflanzung kann ihren erotischen Unterton nicht verhehlen.

Von wegen "keusche Frucht" ... Woher dieser Beiname der Kastanie kommt, ist nicht geklärt. Er könnte darauf hinweisen, dass sich die nahrhafte Nuss unter einer stacheligen Schale verbirgt, die den Sa- erst freigibt, wenn sie zu Boden fällt und  aufplatzt. Andere Deutungen vermuten
eine falsche Übersetzung des pfälzischen Dialektbegriffs "Keschde" .


Politische Sprengkraft im Vorfeld des Hambacher Festes

Die Kastanie hatte auch politische Sprengkraft. Im Vorfeld des Hambacher Festes hatte der Staat Bayern den Pfälzer Bauern verboten, ihr Vieh nach alter Gewoh-nheit in die Kastanienhaine zu treiben. Denn auch das Nutzvieh mag die Frucht, die im Herbst ein ideales - und im Wald kostenloses -  Beifutter zur Mast ist. Das Verbot war ein weiterer Zündstoff für die ohnehin erhitzten Gemüter und ein weiterer Grund, beim Hambacher Fest gegen die Obrigkeit aufzubegehren.


Über das Hambacher Schloss kann man unzählige Geschichten auf ganz verschiedene Art und Weise erzählen - nicht nur die Geschiche der "keuschen Frucht" Klein und Groß können die volle Bandbreite bei den Themenführungen auskosten.

Die inszenierten Führungen gibt es sowohl für Familien als auch für Erwachsene. Ob nun der legendäre Dr. Siebenpfeiffer, der tollkühn das Hambacher Fest initiierte, oder Johann Philipp Abresch, der die schwarz-rot-goldene Fahne an der Spitze des Festzuges trug, oder Elise Hornig, Freiheitskämpferin der ersten Stunde - sie alle berichten von den damaligen Vorkommnissen und machen den Besuch des Hambacher Schlosses zu einem besonderen Erlebnis.

Kästenburg, Maxburg, hambacher Schloss - diese drei historischen Namen zeugen vom Wandel des markantenb Baus auf dem 325 Meter hohen Vorberg der Haardt. Bischofgsresidenz, Tresor und Archiv, Ruine mit Forsthaus, vereiteltes Märchenschloss, Einnerungsort und Museum, Ausflugsziel - das Hambacher Schloss hat viele Funktionen erlebt, die in der Architekturführung vorgestellt werden.

Für sehbehinderte und blinde Menschen wird eine Führung angeboten, die die Baugeschichte und die spannenden Ereignisse im Jahr 1832 im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar macht.

Die Themenführungen finden von April bis Oktober statt. Das vollständige Programm und alle Termine finden Sie hier.


Über den Pfälzer Keschde-Weg und die Feste rund um die Kastanie sowie die Pfälzer Kastanienwochen finden Sie im Internet weitere Informationen.

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