Der Pfälzer Wald wird wilder

Kaja und Lucky haben zwei Luchsbabys

 

Freudiges Ereignis im Pfälzer Wald: Die Luchseltern Kaja und Lucky, im vergangenen Sommer aus Slowenien ins Biospärenreservat importiert, haben Nachwuchs. Der rheinland-pfälzische Naturschutz sorgt derweil dafür, dass der Lebensraum für die streng geschützte Wildkatze immer besser vernetzt wird.

Luchs Pfälzer Wald Wildtiere
In Mitteleuropa vor 200 Jahren ausgerottet, jetzt wieder heimisch im Pfälzer Wald: der Luchs (Lynx lynx) mit seinen unverkennbaren Pinselohren. Foto: animalphotography.ch/Shutterstock

Als Beute-Konkurrent vom Menschen verfolgt und aus seinem natürlichen Lebensraum immer mehr verdrängt, galt der Eurasische Luchs in West- und Mitteleuropa seit dem 19. Jahrhundert  - bis auf wenige Reliktvorkommen - als ausgerottet. Für seine Wiederan-siedelung im grenzüberschreitenden Biosphärenreservat Pfälzer Wald/ Nordvogesen hat die Stiftung Natur und Umwelt Rheinland-Pfalz die Feder-führung übernommen, unterstützt mit Mitteln der EU sowie privater und institutioneller Förderer, von zahlrei-chen Naturschutzverbänden und einem 2010 gegründeten Verein. Immerhin 10.000 Euro kostet allein der Umzug eines Luchses - ohne wissenschaftliche Begleitung durch das Projektteam.

Seit Sommer 2016 wurden vier Katzen und drei Kuder, wie die männlichen Luchse genannt werden, im Pfälzer Wald ausgesetzt. Eingefangen teils in Slowenien, teils in der Schweiz, waren sie gechipt und mit GPS-Sendern ausgerüstet worden, so dass ihr Verhalten im für jedes Tier bis zu 200 Quadratkilometer großen Revier verfolgt werden kann.

In den kommenden Jahren sollen weitere Luchse umgesiedelt werden, um im Bio-sphärenreservat wieder eine selbst-regeneriernde Population der größten euro-päischen Wildkatze zu etablieren, die bis zu 20 Jahre alt wird.

Unterwegs zwischen Bad Dürkheim, Neustadt und Kaiserslautern

Laut GPS-Monitoring-Daten sind die Pinselohren - so heißt im Volksmund der Luchs wegen seiner auffälligen, den feinen Hörsinn unterstützenden Haarantennen an den Ohrspitzen - überwiegend zwischen Bad Dürkheim, Neustadt und Kaisers-lautern unterwegs. Meist als Einzelgänger, wie es für die Anschleichjagd der ele-ganten Raubkatzen schicklich ist. Sie kann in ungewöhnlichen Ausnahmefällen auch mal auf eine Nutztierweide führen: Kuder Lucky, der wie seine Artgenossen zwei Kilo Fleisch am Tag vertilgt, riss schon mal Ziegen und Lämmer. Das Projekt ersetzte den Schaden und unterstützt die Schäfer bei der wirkungsvolleren Sicherung ihrer Weiden und Herden. 

Von Kuder Acro aus der Schweiz sind solche Übergriffe nicht bekannt. Ihn plagt möglicherweise Heimweh, denn er machte sich Richtung Südwesten in die Nordvogesen auf. Er sendet ab und zu aus dem Elsass zwischen Geradmer und Colmar GPS-Signale, während seine Schweizer Artgenossin Bell eher nördlich im Raum Winnweiler geortet wird.

Respekt! Cyril schwimmt durch den Rhein

Kollege Cyril, so wurde Mitte Juni 2017 berichtet, hat den Gemüsegarten der Vorderpfalz - eine eher vegetarische Zone, allerdings mit üppiger Hasen- und Karnickel-Population - durchstreift und den Rhein Richtung Baden-Württemberg überquert. Schwimmend durch die gefürchtete Fahrrinne - alle Achtung! Vor dieser sportlichen Herausforderung haben auch bestens geübte Schwimmer allen Respekt.

Ob Cyril den Weg zurück in den Pfälzer Wald findet?

GPS bis ins Schlafzimmer und die Kinderstube von Kaja und Lucky

Den Bewegungsdaten ist auch zu verdanken, dass die Projektmitarbeiter vom Liebeswerben zwischen Kaja und Lucky im Februar/März dieses Jahres Wind bekamen. Ob die Lüchsin Luna sich zur Ranzzeit auch mit Lucky oder dem anderen Kuder, Cyril, traf, konnte nicht nachgewiesen werden. Denn Lunas GPS-Sender streikt, und sie wurde lange vermisst. Aber es gibt eindeutige Lebenshinweise von ihr, etwa Kratzspuren am Bäumen, an denen sie ihre Krallen schärfte.

Echte P(f)älzer: Die beiden Luchsbabys, im Mai geboren im Pfälzer Wald. Foto: SNU RLP/Alexander Sommer
Echte P(f)älzer: Die beiden Luchsbabys, im Mai geboren im Pfälzer Wald. Foto: SNU RLP/Alexander Sommer

Dank Kajas GPS-Signalen konn-te auch die Kinder-stube der jungen Luchsfamilie aufge-spürt werden. Dort sind die beiden Pfäl-zerwald-Neubürger wohlauf und entwik-keln sich, wie eine tiermedizinische Kurzvisite ergab, prächtig. Sie werden die nächste Zeit von der Mutter auf ihr Leben in der freien Wildbahn vorbereitet, lernen das lautlose Schleichen auf ihren fellsamtigen Pfoten und die Jagd auf allerhand Kleinsäuger, am allerliebsten aber auf Rehwild. Im nächsten Frühjahr werden sie ganz abnabeln und sich ihr eigens Revier suchen. Allerdings: Trotz aller Fürsorge der Lüchsin erreicht in der Regel nur jedes zweite Junge die Luchs-"Pubertät" im zweiten Lebensjahr. 

Wilder Wald: Mehr geschützte Kernzonen im Biosphärenreservat

Die "Teufelsleiter" bei Frankenstein
Die "Teufelsleiter" bei Frankenstein

Damit sich Luchse und anderes Getier im UNESCO-Biosphärenreservat wohl-fühlen und Natur möglichst ungestört gedeihen kann, sind im Pfälzer Wald sog. Kernzonen ausgewiesen, in denen die Natur sich selbst überlassen bleibt. In diesen besonders geschützten Ge-bieten unterbleibt die forstwirtschaft-liche Nutzung, dürfen Bäume altern und dann auch absterben, und Ausflüg-ler nur ausgewiesene Wege begehen. Bislang sind 2,1 Prozent der Gesamt-fläche des Pfälzer Waldes (rund 180.000 Hektar) als Kernzonen klassi-fiziert. 

Gegen manchen Widerstand, aber letztlich unter Beteiligung aller Betroffenen hat das Umweltministerium Rheinland-Pfalz im März dieses Jahres Pläne vorge-stellt, die die Vergrößerung der Kernzonen auf insgesamt drei Prozent der Pfälzerwald-Fläche vorsehen. Teilweise sollen bestehende Kernzonen erweitert, teilweise neue ausgewiesen und die Schutzgebiete untereinander besser vernetzt werden. Unweit von Bad Dürkheim würde demnach bis in etwa einem Jahr mit 366 Hektar die größte neue Kernzone bei der sogenannten "Teufelsleiter", einer markanten Buntsandstein-Felsengruppe bei Frankenstein, ausgewiesen.

Nicht nur die Luchse werden's danken.

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