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Die Pfalz ist irgendwie anders - und stürmt die SWR 1-Hitparade

"Onnerschtwu is onnerscht"

Kaum eine zeitgenössische Poesie drückt das Pfälzer Lebensgefühl so treffend aus wie die Refrainzeile des legendären Palzlieds: onnerschtwu is onnerscht, un halt net wie in de Palz ... Das legt die Frage nahe, was andersorts anders ist, bzw.  - vice versa - die Pfalz von anderen Orten unterscheidet und so anders macht.

Die Anonyme Giddarischde - Kultband der Pfalz, die ihrer Heimat das Palzlied widmeten und damit die SWR 1 -Hitparade stürmen.
Die Anonyme Giddarischde - Kultband der Pfalz, die ihrer Heimat das Palzlied widmeten und damit die SWR 1 -Hitparade stürmen.

Das Palzlied ist Kult. Wann immer es der philosophierende Song-writer und Leadsänger Edsel Merz mit seiner "anonymen" Begleitband anstimmt, wird es text-sicher mitgesungen, oft auch lauthals aus tief-stem Herzen mitgegröhlt - mit Vorliebe und stets wachsender Begeisterung zum Beispiel beim legendären Literarischen Frühschoppen regelmäßig am ersten Montagmorgen auf dem Dürkheimer Wurstmarkt.

Kein Wunder: Schon Schulkindern wird das Palzlied im Unterricht beigebracht.


Palzlied

 

Warscht du ämol uf de Kalmit, oder uf de Dahnerhä

hoscht du emol ome Herbschdag moins de Newwel steige seh

bischt mol barfuß durch die Wieß gerennt, oder unner Bäm

dich bloß hiegeleht die Ache zu un efach bloß geträmt

 

des wer alles nix Besonnres sagscht du un du mischt jetzt geh

weil es gäb auser de Palz jo a noch Onneres zu seh

sicher hoscht du recht wonn du sagscht dass ders onnerschtwu a gfallt

awwer onnerschtwu is onnerscht, und halt net wie in de Palz

 

Warscht im Summer onem Baggerloch hot dich a Schnog gejuggt

un du hoscht de liewe lange Dach bloß in die Luft geguggt

warscht du owens mit me Sunnebrond uf doim Balkon geleh

un du hoscht beim Sunneunnergang die Schwalbe fliege seh

 

Des wär alles nix Besonnres sagscht du un du mischt jetzt geh

weil es gäb auser de Palz jo anoch Onners zu seh

sischer hoscht du recht wonn du sagscht dass ders onnerschtwu a gfallt

awwer onnerschtwu is onnerscht, un halt net wie in de Palz

 

Kennscht du Trippstadt Herdlingshause Grienschtadt Eiseberch un Forscht

hoscht du emol uf nem Woifscht denne Leid dort zugehorscht

trinkst du gernemol en Schorle un ischt gern e Lewwerworscht

gehscht du öfters in die Folle un hoscht mehr wie onnre Dorscht

 

Des wär alles nix besonnres sagscht du un du mischt jetzt geh

weil es gäb auser de Palz jo anoch onneres zu seh

sicher hoscht du recht wonn du sagscht dass ders onnerschtwu a gfallt

awwer onnerschtwu is onnerscht un halt net wie in de Palz

 

awwer onnerschtwu is onnerscht un halt net wie in de Palz

 

Übersetzung ins Hochdeutsche


Seit 20 Jahren sind die Anoyme Giddarischde in der Pfalz mit ihren stimmigen und humo-rigen Vertonungen mit meist simpler Melodik alltäglicher Geschichten unter-wegs. Stets nah beim Pfälzer Fan-Volk, bodenständig und tief verwurzelt in ihrer Heimat, erzielen sie über das Pfälzer Universum hinaus - wohl eher unbeabsich-tigt - unverhoffte Wirkung. Denn ihre handgemachten, fetzi-gen Heimatklänge mi-schen seit zwei Jahren die Hitparade des Süd-deutschen Rundfunks (SWR 1 Rheinland-Pfalz) im Sendegebiet von Nordbaden über die Eifel bis in die Köl-ner Bucht auf. 2017 reüssierte das Palzlied noch auf Platz 164, ein Jahr später wählten es die SWR 1-Hörer schon auf den 28. Rang, noch einen Platz hinter Wolfgang Niedeckens BAP-Hit "Verdamp lang her". In der jüngst veröffentlich-ten 2019-er Hitliste lässt der Giddarisch-de-Gassenhauer auch 


die Kölschen Barden hinter sich und rangiert gar auf Platz 17 - nach "Barcelona", der unvergessenen Olympia-Hymne von Freddie Mercury und Montserrat Caballé, und noch vor dem elegischen "Hallelujah" des Altmeisters der Balladen, Leonard Cohen.

Nach solch fulgurantem Aufstieg in der südwestdeutschen Hitliste sollen in der Pfalz gar schon Wetten darauf abgeschlossen worden sein, wann das Palzlied die "Bohemian Rhapsody" der Queen, seit Jahren die Nummer eins der SWR 1-Hitparade, vom Sockel stürzen könnte ... 

Das "Palzlied" - Dialekt mit sympathischer Dialektik

Angesichts dieser Erfolgsstory könnte einem ja ganz anders, gonz onnerscht werden. Doch die Gefahr abzuheben, stellt sich dem bodenständigen Pfälzer nicht, denn sein Palzlied akzeptiert ja ausdrücklich, dass es - "sicher hoscht du recht" - andenorts auch schön sein kann. Onnerschtwo is onnerscht, wenn auch nicht so wie in der Pfalz.

Dieses augenzwinkernd sympathische und doch auch selbstbewusstes Bekenntnis zur Pfalz anerkennt das Fremde und belässt den Onnere achtsam ihre Heimat  - onnerschtwu eben. Und ohne es auszusprechen, insinuiert die feine Dialektik des Mundartsprachlers Edsel Merz im Umkehrschluss, dass die Pfalz halt onnerscht ist, und dass sie vielleicht auch - Hand aufs Herz - schöner und besser sein könnte als onnerschtwu

Was ist eigentlich so anders in der Pfalz?

Das Dubbeglas: Die Trinkgewohnheiten in der Pfalz sind doch etwas anders. Dazu beschert das milde Klima meist anhaltende Schönwetterlagen Foto: Kochendörfer
Das Dubbeglas: Die Trinkgewohnheiten in der Pfalz sind doch etwas anders. Dazu beschert das milde Klima meist anhaltende Schönwetterlagen Foto: Kochendörfer

Nur: Warum eigentlich ist die Pfalz anders und - zumindest in den Augen ihrer (Ur-)Einwohner - so schön? Was zeichnet sie besonders aus? Hmm ... das einzigartig milde Klima, die darin bestens gedeihenden und anerkannt guten Weine, die Pfälzer Dreifaltigkeit mit Saumagen, Leberknödel und Brat-wurst nebst Grumbierstampes (Kartoffelbrei) und Weinsauerkraut auf dem meist gut gefüllten Teller, Kartoffelsuppe, gefolgt von Dampfnudeln mit Weinsoße? Natürlich auch die Pfälzer Lewwerworscht, die ersten blühenden Mandelbäume im Frühjahr, die frühesten Frühkartoffeln, die Esskastanien im Herbst, der größte Gemüsegarten sowie das zweitgrößte Weinbaugebiet Deutschlands   - die Pfalz bietet mit ihren Alleinstellungsmerkmalen vielseitige genussreiche Erfahrungen.

Dazu das größte zusammenhängende Waldgebiet Deutschlands, das einzige grenzüberschreitende UNESCO-Biospärenreservat, seltene Gewächse, die  nördlich der Alpen onnerschtwu  kaum gedeihen, die typischen Dubbegläser, das größte Weinfest wie das größte Fass der Welt, die Deutsche Weinstraße und - einmal im Jahr - auf ihr die längste Erlebnismeile ... Auf Anhieb fallen einem etliche Superlative ein, die die Pfalz auszeichnen. 

Pfalz hin oder her, vielleicht sogar besser als onnerschtwu ... Dem Pfälzer ist das ziemlich worscht. Er muss nicht im Mittelpunkt stehen, und ein Ranking der Regionen ist nicht sein Ding. Stattdessen bleibt er bei sich, wenn es um derlei Wertigkeiten geht. Bei allem Stolz, er muss nicht prahlen mit dem Anders-Sein. Denn er weiß um die Qualitäten von Land und Leuten seiner in vielerlei Hinsicht gesegneten Heimat, wenn er verschmitzt in aller Bescheidenheit anmerkt: Wann’s net besser is, isses wenigschdens annerscht. Das ist allemal beruhigend - wenigstens.

Die Menschen sind anders und irgendwie besonders: Ein wenig gelassener

Winzerpicknick im Dürkheimer Kurpark - andere Menschen?
Winzerpicknick im Dürkheimer Kurpark - andere Menschen?

Ja, wohl sind die Men-schen hier auch ein bisschen onnerschter, irgendwie besonders - gelegentlich beson-ders weinselig. Und immer jedenfalls ein wenig gelassener, ans französische Laissez faire erinnernd. Vielleicht, weil ihnen dieses vage Gefühl oder doch auch die schöne Gewissheit, dass die Palz onnerscht is, schon zu ihrem Glück gereicht. Da muss man nicht auch noch betonen, besser zu sein. Aber wieviel onnerscht darf man sein, um - selbst in der onnerschte Pfalz - nicht aufzufallen oder gar neben der Spur zu laufen?

Immerhin, physiologische Auffälligkeiten scheinen empirisch belegt: Ein Chefarzt der internistischen Abteilung eines hiesigen Krankenhauses berichtet, in der Pfalz hätten sich manche medizinischen Grundlagen, die er sich im Studium angeeignet hatte, ziemlich relativiert: Blutwerte, Leberwerte - "alles annerscht in de Palz", fasst er seine langjährigen Erfahrungen zusammen. Sie resultieren wohl aus pfälzischen Trink- und Essgewohnheiten.

Beim Exerzieren auf einem Pfälzer Kasernenhof konnte man übrigens schon mal das Kommando Abteilung – annerschtrum!  hören. Klingt irgendwie angenehmer als der schiere Befehlston "Kehrt marsch!" ...

"Onnerscht" ist an sich schon anders, erst recht "onnerschter"

Schon das Wörtchen „anders“ ist in der Pfälzer Mundart onnerscht oder gar onnerschter. Nach dem etwas nasalen "a" oder "o" am Anfang verschwindet in der Mitte - mundfaul - das "d", um dann doch in pfälzischer Babbel-Laune das "s" am Ende zu einem geradezu überschwänglich zischenden "sch" mit angehängtem "t" auszuformen. 

Die Endsilbe "ter" schließlich verleiht dem Dialektwort annerscht besonderen Nachdruck und Tiefe: Mir is gonz annerschter worre, kann gute erotische Gefühle ebenso beschreiben wie eine angstbesetzte Begegnung. In jedem Fall drückt annerschter das nachhaltige, bis ins Jetzt spürbare Erleben aus.

Über eine Frau in anderen Umständen kann es im Pfälzischen schon mal verkürzt heißen: Sie is annerscht - womit auch gesagt ist, dass ihr Zustand nicht nachhal-tig ist, sondern in spätestens neun Monaten vorbei sein wird. Aber uffbasse, also Vorsicht! Ist die Frau (gonz) annerschter, ist nicht mehr das bevorstehende freudige Ereignis gemeint, sondern eher ein andauernd absonderliches Verhalten oder gar ein pathologisch auffälliger Geisteszustand beschrieben. Man sieht: Die Pfälzer Mundart hat ihre Eigenarten und beachtenswerte Feinheiten. 

Von der "Ebbelfraa" zur "Gääs"

So bedeutungsschwanger sie im Detail sein kann, so windungsreich kommt sie in manchen Redewendungen daher. Um mehrere Ecken muss denken, wer Des isch annerscht wie bei de Ebbelfraa richtig deuten will. Frei übersetzt: Das ist anders als auf dem Markt, wo man sich die schönsten Äpfel aussuchen darf. Auf den hochdeutschen Punkt gebracht, bedeutet das kurz und bündig: So einfach geht das nicht!

Das stellt der Außergewärdische, also der Nicht-Pfälzer, denn auch schnell fest, wenn es um das Verstehen oder gar Erlernen der Pfälzer Dialekts geht. Doch auch dafür weiß der Pfälzer Rat: Des isch annerscht wie mit de Gääs gezackert (hochdeutsch: "mit der Ziege gepflügt") heißt übersetzt: Wenn man etwas richtig oder mit dem richtigen Werkzeug anpackt, geht es leichter von der Hand. Ein hilfreicher Hinweis für Dialektstudien.

Kult beim Literarischen Frühschoppen auf dem Wurstmarkt - immer am ersten Montag: Das Palzlied mit den Anonyme Giddarischde. Da wird's nicht nur den 100%-Pfälzern gonz annerscht.

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