"Richard Löwenherz - König, Ritter, Gefangener" in Speyer

Zimmer mit Aussicht vom Trifels

Wie lange Richard I. Plantagenêt als Gefangener des Stauferkaisers Heinrich VI. auf der Reichsburg Trifels festgesetzt war, ist nicht abschließend zu klären - historisch verbürgt sind mindestens drei Wochen. Eine faszinierende Ausstellung des Historischen Museums der Pfalz in Speyer spürt - erstmals in Europa - den Fakten wie den Legenden um den berühmten englischen König nach, der schon zu Lebzeiten den Beinamen "Löwenherz" trug.

König Richard Löwenherz - Reiterstandbild von Baron Carlo Marochetti, 1860, in London (Ausschnitt). Foto: Dennis Gilbert  / Historisches Museum der Pfalz
König Richard Löwenherz - Reiterstandbild von Baron Carlo Marochetti, 1860, in London (Ausschnitt). Foto: Dennis Gilbert / Historisches Museum der Pfalz

Denn Richard Löwenherz (1157 - 1199) galt als wagemutig, manchmal geradezu übermütig, als außergewöhnlich tapfer und tatkräftig, aber auch als großzügiger, charismatischer und volksnaher Herrscher, dessen Reich sich von Schottland bis zu den Pyrenäen erstreckte zu zwei Dritteln auf dem Kontinent lag. Ein kühner Schwertkämpfer, groß von Satur, ein früher Pop-Held, als Ritter idaeli-siert, auch wenn das Rittertum nicht immer rit-terlich zu Werke ging, sondern seine Geschichte auch von schlimmen Greueltaten gesäumt ist.

In das Bild vom edlen Ritter Löwenherz, der sich durchaus selbst zu inszenieren verstand, zahlen auch die Legenden der Balladen-Gestalt Robin Hood ein. Diese Verbindung arbeitet das Historische Museum der Pfalz in einer parallelen Familien-ausstellung Robin Hood (12.11.17 bis 03.06.18) auf, in der Kinder und Erwachsene in aufwändigen Spiel-stationen und naturgetreuen Kulissen in die Welt des Sozialrevolutionärs aus dem Sherwood Forest eintauchen. Spannender kann Geschichte und Mythos kaum inszeniert werden.

Um bei der historischen Wahrheit zu bleiben: Zeit seines Lebens stand Richard Löwenherz eine willensstarke und selbstbewusste Frau zur Seite - seine Mutter Eleonore von Aquitanien, erst Königin von Frankreich, dann Königin von England und somit eine der mächtigsten Frauen des 12. Jahrhunderts.

Sein bewegtes Leben führt Richard Löwenherz auf dem Rückweg eines Kreuzzuges zur Befreiung Jerusalems in die Hände seiner Widersacher und - nach seiner Enttarnung und Gefangennahme in einem Gasthaus im Wiener Vorort Erdberg - ins Zentrum staufischer Herrschaft in der Region zwischen Rhein und Neckar. In der Konsequenz einer weit verzweigten Gemengelage aus Intrigen, Interessen und Rivalitäten wird gegen ihn In Speyer am 22. März 1193 ein politisch perfide eingefädelter Schauprozess inszeniert - Machtpoker im Europa des frühen Mittelalters. 

Die überzeugende Präsentation zeigt  u. a. Abgüsse der Grabplatten von Richard und seiner Mutter Eleonore aus der Abtei Fontevraud. Foto: Historisches Museum der Pfalz
Die überzeugende Präsentation zeigt u. a. Abgüsse der Grabplatten von Richard und seiner Mutter Eleonore aus der Abtei Fontevraud. Foto: Historisches Museum der Pfalz

Freispruch ohne Freiheit

Die Liste der Anklagepunkte ist lang und in weiten Teilen durchaus berechtigt. Doch König Richard erreicht mit einer überzeugend eloquenten Verteidigungs-rede einen Freispruch in allen Punkten - das nützt ihm jedoch nur wenig.

Reichsburg Trifels. Foto: Christian Fernández Gamio
Reichsburg Trifels. Foto: Christian Fernández Gamio

Löwenherz wird in Ketten gelegt und abgeführt. Für seine Freilas-sung wird ein gigantisches Lösegeld gefordert. Ein Jahr, sechs Wochen und drei Tage, mehr Zeit als er je in England verbrachte, wird er in der Region festgehalten. Sein wohl prominentestes Gefängnis wird die Reichsfeste Trifels hoch über dem südpfälzischen Annweiler, wo er im Hauptturm ein Zimmer mit Aussicht auf den Pfälzerwald bewohnt - für die damalige Zeit durchaus ein königliches Ambiente. Auch das elsässiche Hagenau, Worms, Speyer und Mainz sind Stationen seiner Geiselhaft.

Königliches Lösegeld: 23 Tonnen Silber

Das Lösegeld aufzubringen, stellt England vor schier unlösbare Herausforder-ungen, zumal der Königsbruder Johann Ohneland das eh schon schwierige Unterfangen im eigenen Interesse torpediert. Dennoch; Altarkreuze werden gepfändet. zusätzliche Steuern erhoben, und nicht ohne Grund lassen sich in England heute praktisch keine wertvollen Lüster oder silbernen Bestecke aus der Zeit des ausgehenden 12. Jahrhunderts finden. Hochbetagt überbringt die über 70-jährige Eleonore schließlich über 23 Tonnen Silber, etwa das doppelte Jahresbudget der englischen Krone, dem staufischen Kaiser, um endlich ihren geliebten Sohn in Empfang zu nehmen. Fünf Jahre später stirbt er nach einer Kriegsverletzung am Wundbrand in den Armen seiner Mutter. Er wird in der Grablege Plantagenêt im französischen Kloster Fontevraud bestattet, wo auch seine Eltern Heinrich II. und Eleonore ruhen. Sein Herz ist - nach seinem eigenen Wunsch - in einem Grabmal in der Kathedrale von Rouen in der Normandie beigesetzt.

Über 150 kostbare Exponate bis hin zum Bleikästchen für das Löwenherz

Das Herz Richards I. Löwenherz wurde einbalsamiert und in diesem Bleikästchen in der Kathedrale von Rouen beigesetzt.  Foto: Inventaire général Région Normandie, / Denis Couchau
Das Herz Richards I. Löwenherz wurde einbalsamiert und in diesem Bleikästchen in der Kathedrale von Rouen beigesetzt. Foto: Inventaire général Région Normandie, / Denis Couchau

Kaum ein anderes Museum könnte so authentisch vom Aufstieg und Fall des berühm-testen englischen Königs des Mittelalters erzählen. Denn einen Steinwurf vom heutigen Museumsportal entfernt, be-tete Richard Löwenherz im Dom zu Speyer. Vor dessen Portal wurde er seiner Vergehen auf dem Dritten Kreuzzug ange-klagt - ein Wendepunkt seines höfischen Lebens, der aus der strahlenden Persönlichkeit eine eher tragische Figur der Weltgeschichte macht.

Die große kunst- und kulturhistorische Ausstellung präsentiert über 150 einzigartige und wertvolle Exponate, die teilweise zum ersten Mal in Deutschland zu sehen sind. Darunter auch als Leihgabe aus dem Buckingham Palace die Statuette Richards, eine Kopie des großen Reiterstandbilds, das bis heute vor dem Houses of Parliament den stolzen Ritter im Kettenhemd zeigt. Zwischen kostbarsten Handschriften, Verträgen und Buchmalereien sowie erläuternden Wandtexten entknotet die Ausstellung die verwirrenden Verflechtungen und Verbandelungen, aber auch Feindseligkeiten der damals Herrschenden und beamt sie mit neuen Medien ins Heute. Augenzwin-kernd darf König Richard schon auch mal tickern: "... von meinem Pferd gesendet".

Seinem legendären Löwenherzen aber kommt der Besucher auch ohne mediale Unterstützung ganz nahe. Historisch belegt, wurde Richards Herz auf dessen eigenen Wunsch in einem unscheinbaren bleiernen Kästchen in der Kathedrale von Rouen/Normandie beigesetzt. Darin also war es aufbewahrt, das Löwenherz. So pflegt man seinen Mythos weit über den Tod hinaus ...


Richard Löwenherz: König - Ritter - Gefangener, bis 15.04.17 im Historischen Museum Pfalz, dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr mit umfangreichem Begleitprogramm und Ausstellungskatalog zum Sonderpreis im Museums-Shop

Führungen sonntags 11, 13 und 14 Uhr

Aktionswoche vom 23. bis 29.10.17

Ergänzende Medien: SWR Fernsehen, SWR 2 Forum: Wer war König Richard? 

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